Der Uhu mit dem Blumenhut

‘Dieser Uhu sieht so ernst aus.‘ fand Elli, als sie das Ölbild ihres Sohnes betrachtete. Ohne Zweifel war es gut gelungen. Der Uhu war fast fotografisch genau gemalt worden, doch mit solchen energischen Pinselstrichen, dass der Betrachter zu spüren glaubte, was der Vogel gerade empfinden mochte, wenn er einen so ansah mit diesen strengen Augen. Vielleicht hatte er gerade einen langen Flug hinter sich und musste davon heftig atmen, als er sich auf dem Ast ausruhte. Die Jagd war womöglich nicht erfolgreich gewesen und er ärgerte sich noch darüber, als er diesen nervigen Maler entdeckte, der ihn porträtieren wollte. „Entschuldigung.“, mochte der Maler ausgerufen haben, „Nur noch ein paar Tupfer und dann bin ich wieder weg.“

Gut, die aufrechten Federohren und die orangen Augen ließen Uhus nun einmal herrisch aussehen. Aber dieser Uhu hier vor ihr brauchte dringend etwas Aufheiterung. ‚Also wenn ich er wäre …‘ Elli überlegte. ‚Ja, ein Blumenhut. Ein Blumenhut bereitet doch jedem gute Laune.‘ So war es jedenfalls bei ihr.

Kurz entschlossen griff Elli zu Pinsel, Farben und Palette und setzte dem Uhu einen Blumenhut auf.

Ein wohliges Gefühl überkam sie dabei. Es erinnerte sie an früher, als ihr Sohn Conrad ein Kind gewesen war und sie gemeinsam Bilder gemalt hatten. Am Anfang konnte man natürlich noch genau sehen, wer was eingefügt hatte, die kindlichen Krakel und die mütterlichen Striche. Er hatte auf ihrem Schoß gesessen, ernsthaft geguckt, wie der Uhu heute, und dann mit dem Pinsel über die Leinwand gewirbelt. Conrad war mit den Jahren immer geschickter geworden und irgendwann konnte man Mutter und Sohn auf den Gemälden nur noch am persönlichen Stil unterscheiden.

Schon allein, wenn sie beieinandersaßen und besprachen, was sie wollten, waren das wundervolle Momente der Nähe. Und wenn sie sich dann dabei zusahen, was der andere machte und sie sich spontane Ideen zuwarfen. Und wenn sie am Ende ihr gemeinsames Werk betrachteten und besprachen. Ja, dann waren sie eine Seele.

Mit dem Erwachsenwerden wurden diese innigen Momente immer weniger, bis er dann zum Studium das Haus verließ und fortan so mit dem Erwachsensein beschäftigt war, dass diese Momente nicht mehr wiederkehrten.

Und jetzt? Jetzt war sie alt und krank und hatte in dem Haus ihres Sohnes ein schönes Zimmer mit eigenem Bad und kleiner Küche eingerichtet bekommen und fühlte sich überflüssig in der Welt. Sie war doch immer eine starke Frau gewesen, die mit ihrem Mut und Optimismus fest im Leben stand. Sie war doch immer diejenige gewesen, die ihre Kinder umsorgte und ihnen half, wo sie konnte. Sie brauchten nur zu fragen.

Und jetzt? Jetzt kümmerten sich die Kinder um sie. Sie wurde überall hin chauffiert, wenn ihre Beine wieder einmal zu schwach waren. Ständig war sie krank und dann musste sie zulassen, dass die Kinder für sie einkauften und ihr etwas kochten. Alle Behördengänge und Papierkram wurden ihr abgenommen, weil ihr Gehirn nicht mehr wie gewohnt mitspielte und sie sich schnell überfordert fühlte. Es schien ihr, dass sie in fast allen Dingen auf Hilfe angewiesen war, auf die Hilfe ihrer Kinder.

Sie hatte doch nie abhängig sein wollen. Alle Schwierigkeiten hatte sie stolz selbst gemeistert. Und jetzt? Sie befand sich in der Endkurve ihrer Lebensbahn und manchmal dachte sie, dass es auch gut so sei. Sie wollte nicht mehr. Zum Glück zog sie ihr Lebenswille, ihre Neugierde auf die Welt und ihr Humor immer wieder aus diesem dunklen Loch heraus. Ein Blumenhut konnte ihr zum Beispiel ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Während sie an dem Hut malte, war alles Graue verflogen. Ihr Sohn saß wieder auf ihrem Schoß und sie war eine umsorgende Mutter.

Zufrieden betrachtete sie den würdevoll aussehenden Uhu mit dem Blumenhut und endlich überkam sie eine wohlige Müdigkeit. Diese schlaflose Nacht würde nun ein sanftes, glückliches Ende finden. Sie reinigte die Malutensilien, packte sie sorgsam zur Seite und schlurfte zurück in ihr Zimmer. Sie hatte sich kaum in ihre Bettdecke eingekuschelt, als sie auch schon einschlief.

 

Als Conrad am nächsten Morgen auf dem Weg zum Frühstück noch einmal einen Blick auf sein Bild werfen wollte, auf das er am Abend zuvor so stolz gewesen war, traf ihn fast der Schlag. Sein prächtiger, lebendig erscheinender Uhu trug jetzt einen Blumenhut. Auf so eine irre Idee konnte nur seine Mutter kommen. Jetzt musste er auch noch sein kleines Malzimmer vor ihr verschließen. Reichte es nicht schon aus, dass sie den ganzen Tag durch das Haus trippelte und ihm und seiner Frau erklärte, wie sie die Dinge angehen würde?

„Ich kenne da ja eine nützliche Methode, wie …“

„Ich habe es bisher immer hilfreich gefunden, wenn …“

„Mein Vater hatte da stets ein Mittel, das könnte ich euch …“

„Wenn ihr mögt, dann schaue ich mir das mal an …“

Wie konnte man eine so höflich formulierte Einmischung ablehnen? Musste man nicht jede schroff klingende Erwiderung runterschlucken und ebenso höfliche Worte finden ohne genervten Unterton? Dabei war es ja nicht so, dass ihre Ratschläge schlecht gewesen wären. Aber klingt es nicht auch unterschwellig wie eine Kritik an ihm und seiner Frau Gabriella, da sie scheinbar nichts richtig machen konnten?

Eigentlich hatten er und seine Mutter immer eine tiefe Seelenverbindung gehabt. Sie teilten viele Interessen, konnten stundenlang über Gott und die Welt diskutieren und er hatte ihr seine Sorgen anvertrauen können, bevor er seine Frau kennengelernt hatte und sie zu seiner engsten Vertrauten geworden war. Der Gedanke hatte ihm Freude gemacht, seine Mutter zu sich zu holen, einen seiner Lieblingsmenschen. Aber jetzt, wo sie tatsächlich den ganzen Tag da war und das Muttersein nicht lassen konnte, wo er doch ein erwachsener Mann war, der mit beiden Beinen fest im Leben stand und selbst Vater war, da war er öfter von ihr genervt, als ihm lieb war.

Vielleicht hätte er es leichter nehmen können, wenn in seiner Welt noch alles an seinem Platz gewesen wäre. Dass die Kinder in ihre ersten eigenen Wohnungen gezogen waren, hatte er überwinden können, denn irgendwie brauchten sie die Eltern ja weiterhin beim Start ins Leben. Er und seine Frau hatten die neue Freiheit, tun zu können, was sie wollten, wann sie es wollten, langsam zu schätzen gelernt. Er hatte sogar wieder mit dem Malen angefangen. Doch nun sah er zu, wie seine Mutter, der Fels in seiner Brandung, immer mehr zerfiel. Jetzt musste er der Fels in ihrer Brandung sein und dieser Rollenwechsel tat weh. Es ist nicht leicht, einen Menschen, den man liebt, schwinden zu sehen und sich mit dem Gedanken an seine Endlichkeit vertraut zu machen. Sie war doch immer da gewesen. Ihre Liebe war immer da gewesen. Ihre Wärme. Ihr Schutz. Die Ohnmacht, die er empfand, wenn sie wieder einmal mit einem scheinbaren Schulterzucken und einer langen Medikamentenliste aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Er konnte ihr nicht helfen. Er war ein Arzt für Tiere, nicht für Menschen. Schlechte Berufswahl, scherzte er manchmal mit sich selbst, um sich aufzuheitern.

Warum nur hielt sie sich nicht wenigstens an die Anweisungen ihrer Ärzte? Sie wollte ihre Ernährung nicht ändern. „In der Zeit, die ich noch habe, will ich wenigstens gut essen.“ Warum kramte sie im Garten rum und übernahm sich, obwohl es keiner von ihr verlangt hatte? „Es war so schönes Wetter. Da wollte ich draußen etwas tun.“ Warum ging sie nicht doch noch mal zu diesem oder jenen Experten? „Ich kann keine Ärzte mehr sehen. Außer dich natürlich, mein Junge.“ Es war zum Haareraufen. Die verbleibende Zeit mit seiner Mutter zerfloss ihm in den Händen durch ihren Eigensinn.

Eigensinnig war sie schon immer gewesen. Eine starke Persönlichkeit. Auch wenn ihr Körper schwächer wurde, aber ihr Wesen blieb unverändert und sie ließ sich ungern helfen.

Er wollte sich nicht ständig über sie ärgern. Er wollte nicht mit ihr streiten. Doch es brodelte immer mehr in ihm und jetzt, wo sein stolzer Uhu einen Blumenhut trug, platzte alles aus ihm heraus.

Mit großen energischen Schritten hielt er auf das Zimmer seiner Mutter zu. Er konnte sich gerade noch beherrschen, nicht ohne anzuklopfen in ihre Räume zu stürmen. Doch sein Klopfen war fordernd.

„Komm herein“, hörte er sie von innen unschuldig zwitschern.

Ja, und wie er kam.

„Mutti!“, stieß er aus.

Es war für Elli unübersehbar, dass ihr Sohn gerade sehr aufgeregt war, und sein Ausruf machte deutlich, wer dafür verantwortlich war. Eilig ging sie ihr Sündenregister durch und konnte nichts darin finden.

„Was ist, mein Junge?“

‚Mein Junge‘ – das war in dem Augenblick gerade noch das richtige Reizwort für Conrad.

„Der – Uhu – trägt – einen – Blumenhut!“, presste er hervor.

„Jaa …?“ Elli flog eine Ahnung an, dass sie gestern Nacht etwas Falsches getan hatte.

Hätte Conrad seinen Ärger nicht monatelang unterdrückt, sondern bei den jeweiligen Gelegenheiten ausgesprochen, was er dachte, wären seine Worte vielleicht etwas gemäßigter ausgefallen. Aber so platzte er heraus: „Was hast Du dir dabei gedacht? Du kannst doch nicht einfach in meinem Bild herummalen! Ständig mischst Du dich in alles ein und kritisierst an uns herum. Nicht einmal ein Bild kann man malen, ohne dass Du deinen Senf dazu gibst. Das ist der Gipfel deiner Einmischerei. Alles muss immer so sein, wie Du willst.“

Das war zweifelsohne maßlos übertrieben, aber es verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht. Seine Worte verletzten Elli. In der Wut ist keine Diplomatie zu Hause.

Hätte Elli nicht das Gefühl gehabt, dass ihr ungerechte Vorwürfe entgegen stürmten, hätte sie sich vielleicht zerknirscht für den Blumenhut entschuldigt und Besserung gelobt. Aber so war ihre Aufmerksamkeit ganz darauf gelenkt worden, eine unverbesserliche Einmischerin zu sein.

„Wie bitte? Seit wann ginge denn alles nach meinem Kopf? Ihr schreibt mir doch ständig vor, was ich tun und lassen soll. Ich soll nicht essen, was ich will, mich nicht im Garten bewegen, wie ich will. Ihr packt mich ein in Watte und behandelt mich wie ein unselbstständiges Kind. Aber noch bin ich eine erwachsene Frau und deine Mutter!“

Eigentlich wusste Elli, dass die Kinder es nur gut mit ihr meinten. Doch in ihrem Ärger verdrehte ihr der Frust über die schwindende Eigenständigkeit ihren sonst so nachsichtigen Verstand. Der Bauch will eben auch gehört werden. Die ganze Zeit hatte sie sich das Jammern gegenüber den Kindern verkniffen und Tapferkeit vorgetäuscht. Auf diese Weise war sie stets erhobenen Hauptes durchs Leben gekommen. Doch jetzt barsten die Wände ihres traurigen Herzens.

Conrad schnappte nach Luft. Er hörte nicht Ellis Verzweiflung zwischen den Zeilen heraus, sondern verstand nur, dass seine ganzen Bemühungen für das Wohl seiner Mutter mit Undankbarkeit beantwortet worden waren.

Hätte Elli ihm schon früher erzählt, wie sie sich fühlt, hätten sie vielleicht gemeinsam einen Weg gefunden. Aber jetzt war Conrad so vor den Kopf geschlagen, dass er keine Worte fand. Ohnmächtig wandte er sich ab und warf die Tür hinter sich laut zu.

Das wiederum schlug Elli vor den Kopf, was ihr ebenfalls die Worte raubte. Wie angewurzelt stand sie da und versuchte zu sortieren, was gerade geschehen war.

Sie wusste schließlich nur eines: Sie musste raus aus dem Haus an die frische Luft. Nach ein paar Metern auf dem Kastanienweg, ihrer Straße, merkte sie, dass ihr die Kraft fehlte für einen langen, wütenden Spaziergang. Also musste sie wohl oder übel zurückkehren und diesen lästigen Rollator benutzen. Auch so eine Anschaffung der Kinder, die ihr unmissverständlich sagte, dass sie alt war.

Ungnädig schubste sie das Gerät vor sich her, was das Gehen nicht gerade einfacher machte. Doch mit jedem Schritt wich etwas Dampf aus ihr heraus und ihre Bewegungen wurden immer mehr eins mit dem Rollator. Bald erreichte sie den Stadtpark von Kirschberg, wo die Sonne freundliches Licht durch die grünen Blätter der Bäume schickte und lebhafte Schatten auf die Wege warf. Die Vögel zwitscherten und die Blumen reckten sich ihnen neugierig entgegen. Und da … ein Eichhörnchen huschte von einem Baum zum anderen. Wer bitte schön kann sich der befriedenden Wirkung eines sonnigen Tages in der Natur entziehen? Elli konnte es nicht. Sie entdeckte eine freie Bank, auf die sie sich setzte, und musste ein wenig pusten von der Anstrengung.

Was war eigentlich gerade passiert? Conrad fand, dass sie sich einmischte? Das sie ständig kritisierte? Aber nein, so war sie doch gar nicht. Oder doch? Elli versuchte sich zu erinnern, fand aber nichts. Also falls das stimmte, dann war das ganz bestimmt nicht ihre Absicht gewesen.

Ja gut, der Blumenhut auf dem Uhu konnte als Einmischung verstanden werden. Warum war ihr das nicht schon gestern Nacht aufgegangen? Elli schüttelte den Kopf. Ach nein, warum? Jetzt empfand sie plötzliche Reue. Natürlich war Conrad darüber wütend gewesen. Konnte man ihm da seine Worte wirklich zum Vorwurf machen? Wohl nicht. Warum hatte sie sich nicht entschuldigt? Warum hatte sie ihm stattdessen so angeblafft? Sie musste das wieder gut machen.

Entschlossen stand sie auf, um von der Bäckerei Sommer Puddingmohnkuchen für die Kaffeezeit zu holen. Den mochte Conrad doch so gern. Hoffentlich konnte sie ihn damit aufmuntern und er würde bereit sein, ihr zu verzeihen.

 

Unterdessen hatte Conrad keine Gelegenheit gehabt, ebenfalls Dampf abzulassen. Er hatte zum Frühstück hastig ein halbes Brötchen in sich hineingezwungen und eine Tasse Kaffee hinuntergestürzt.

„Was ist passiert?“, hatte Gabriella verwundert gefragt.

„Hm“, hatte er gebrummt, „ich kann jetzt nicht darüber reden. Ich bin noch viel zu wütend. Ich erzähle es dir heute Mittag. Nur so viel: MUTTI.“

Gabriella hatte die Augenbrauen gehoben. Was war wohl wieder geschehen? Elli war ja eine liebe, nette Frau. Aber manchmal … hm.

Conrad war ohne weitere Erklärung in die Tierpraxis verschwunden, wobei sein linker Schuh seine Stimmung im Takt quietschend kommentierte. Das verärgerte Conrad noch mehr. Das hatte er doch eigentlich gestern schon beheben wollen. Aber dann war er lieber ins Malzimmer gegangen, während seine Frau beim Chor gewesen war. Nein, was war das heute für ein Tag.

Gabriella, mit der er sich die Praxis teilte, hatte versucht, ihm die schwierigsten Tierbesitzer abzunehmen, was ihr nur zum Teil gelungen war. Conrad seinerseits hatte sich bemüht, sich zusammenzureißen gegenüber seinen Patienten – die Tiere konnten ja nichts für seine Mutter – und die ganze Zeit quietschte der blöde Schuh.

So geschah es, dass er bis zum Mittag keine Minute für sich hatte, um über alles in Ruhe nachzudenken. Nachdem er seinen letzten Patienten des Vormittags, einen Hund mit Flohbefall, entlassen hatte, zog er sich endlich ins Haus zurück und konnte beim Essenkochen etwas in sich kehren.

Wie war das gewesen? Er würde seine Mutter wie ein kleines Kind behandeln? Wie kam sie denn nur darauf? Das war doch unerhört. Bockig wie ein Kind war sie. Das ja. Als „erwachsene Frau“ musste sie doch vernünftiger sein und mehr den Anweisungen der Ärzte folgen. Wollte sie denn sterben? Kein Wunder, dass er immer auf sie achten musste. Das tat er doch nicht freiwillig. Nein, er war heute einfach zu ungerecht von ihr behandelt worden. So schnell kam er nicht über den Streit mit seiner Mutter hinweg.

Wie würde er sich eigentlich an ihrer Stelle verhalten? Bei dieser Frage kam er nun doch ins Grübeln. Schön war ihre Situation nicht.

Noch bevor er den Gedanken weiterverfolgen konnte, kamen Elli und Gabriella gleichzeitig ins Haus und er hörte seine Mutter fröhlich flöten:

„Eben bin ich dem süßen Hund von den Kruses begegnet. So etwas Putziges. Den musste ich gleich streicheln und dabei hat er so lieb geguckt.“

Conrad horchte auf und eilte zur Küchentür.

„Du hast den Krusehund gestreichelt? Der hat Flöhe!“

Elli machte große Augen. „Ach der Arme“, bedauerte sie ihn.

„Wenn Du nun auch einen Floh hast. Ich hole nach dem Essen gleich den Flohkamm und werde dich mal untersuchen.“

„Nun übertreib mal nicht.“, wehrte Elli Conrad ab. Diese Überfürsorglichkeit ihres Sohnes nervte sie. Wenn sie das vorher gewusst hätte, bevor sie eingezogen war, dann hätte sie sich den Umzug noch mal gründlich überlegt. „Was soll ein Floh in meinen alten Haaren, wenn er einen flauschigen jungen Hund hat?“

„Du weißt doch, dass Flöhe in der Regel ihren Wirt nicht verlassen.“, versuchte Gabriella zu schlichten.

Conrad wusste, dass sie Recht hatten. Aber es ärgerte ihn, dass sie ihn nicht ernst nahmen. War das nicht irgendwie genauso wie die undankbare Reaktion seiner Mutter von heute Morgen? Trotzig versuchte er, sein Gesicht zu wahren. „Es ist ja nur zur Sicherheit.“

Seufzend kehrte er in die Küche zurück und sein Schuh quietschte ungnädig.

Elli stellte traurig fest, dass Conrads Thermometer noch nicht gesunken war. Vielleicht half es, die weiße Fahne von der Bäckerei Sommer zu schwenken.

„Ich habe Puddingmohnkuchen zum Kaffee mitgebracht.“

Conrad trug schweigend die Mahlzeit auf die Teller auf. Manchmal, wenn das Herz schwer ist, ist selbst ein Puddingmohnkuchen nur ein Kuchen.

„Oder Du isst schon jetzt ein Stück zum Nachtisch.“

„Ja“, brummte Conrad und trug die Teller zum Tisch. Quietsch. Quietsch.

Elli schüttelte den Kopf über diesen lauten Schuh.

„Mein Vater kannte ein wunderbares Mittel bei quietschenden Schuhen. Ich bringe es dir gleich nachher.“ Sie hielt diesen Vorschlag für die Krönung ihrer Friedensbemühungen und ahnte nichts von dessen explosiver Kraft.

Vielleicht hätte sie lieber auf den Punkt kommen sollen und sagen: „Es tut mir leid, dass ich deinem Uhu einen Hut aufgesetzt habe. Ich tue es nie wieder.“ Stattdessen redete sie lieber drumherum.

Conrad stellte den letzten Teller gefährlich heftig ab und verteilte dabei Soße auf dem Tisch.

„Ich pfeife auf Opas Mittelchen und ich pfeife auf deine Einmischung. Ich kriege das alleine hin. Lass mich einfach in Ruhe.“ Conrad war selbst erschrocken über seine Worte. So redete er normalerweise nicht mit seiner Mutter. Was war nur in ihn gefahren?

Aber die Worte waren heraus und hingen unwiderruflich in der Luft. Vielleicht hätte Conrad „Es tut mir leid.“ hinterherschieben können und das wäre ja auch die Wahrheit gewesen. Aber ach, es gibt so viele Dinge, die man hier und da vernünftigerweise hätte sagen können. Doch manchmal steckt man zu tief drin und findet nicht mehr heraus.

Gabriella schaute mit angehaltenem Atem zu Elli und blickte in ein erstarrtes Gesicht.

Elli tat das Herz weh. Dieser schlimme Tag wollte einfach schlimm bleiben. Wütend fauchte sie diesem verkorksten Tag entgegen: „Schön, dann pfeife ich auch auf deinen Flohkamm.“ und rauschte ab in ihre Räume.

Die Herzen zweier Menschen, die sich liebten, waren in diesem Augenblick so verdreht worden, dass ihre Gedanken den restlichen Tag nur um diesen Schmerz kreisten, anstatt um dessen Ursache, und diese war das Unausgesprochene. Es war die Sorge des Sohnes um die Mutter, die Trauer über schwindende Kraft und der Abschied von dem bisher bekannten Leben, wie es gewesen war.

 

Als Ellis Tochter und Conrads Schwester Ulrike an diesem Abend wie verabredet zum Essen kam, um ihren neuen Freund Max der Familie vorzustellen, empfing sie Gabriella flüsternd.

„Ihr kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Nehmen Sie es nicht persönlich, Max, wenn die Gespräche heute zäh sein sollten. Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Es herrscht dicke Luft zwischen Mutter und Conrad.“

Ulrike, die den ganzen Tag darüber nachgedacht hatte, ob der Familie Max gefallen würde und ob Max die Familie gefallen würde, wusste nicht recht, wie sie es finden sollte, dass der Abend eine neue Komponente bekommen hatte.

„Die beiden? Was ist denn passiert?“

Gabriella schaute zur Küche, ob Conrad sie hören konnte, und entschied dann: „Seht selbst.“ Sie deutete Ulrike und Max, ihr zu folgen, und führte sie in das Malzimmer ihres Mannes.

„Da.“ Gabriella wies auf das Gemälde mit dem strengen Uhu und seinem imposanten Blumenhut.

Ulrike und Max mussten lachen. Ulrike, die die früheren gemeinsamen Gemälde ihres Bruders und ihrer Mutter kannte und deren unverwechselbaren Malstile, war sofort klar, was geschehen war. „Lass mich raten: Mutti hat Conrads Bild verschönert.“

Gabriella stöhnte. „Genau.“

„Das wäre perfekt für deinen Blumenladen.“, fand Max.

„Ja …“ Ulrike tippte sich nachdenklich ans Kinn, und schließlich zog ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ich habe da eine Idee. Das bringt die beiden vielleicht wieder zusammen.“

 

Wie erwartet war die Atmosphäre beim Abendessen sehr angespannt. Elli und Conrad lächelten gequält und hielten sich an den üblichen Floskeln fest. „Es ist nett, Sie kennenzulernen.“, „Was machen Sie beruflich?“, „Haben Sie Kinder?“, „Schmeckt Ihnen das Essen?“.

Irgendwann war es Ulrike leid und sie durchbrach die Steifheit mit der Bemerkung: „Ich habe euer bezauberndes Bild gesehen. Wie schön, dass ihr wieder zusammen malt, so wie früher.“

Elli und Conrad blickten auf, peinlich berührt, dass dieses heikle Thema angesprochen worden war. Aber dann dachte Elli: ‚Ja, genauso war es doch gemeint. Es war wie früher und es war so ein glücklicher Moment.‘, und auch Conrad erinnerte sich plötzlich an früher und es ging ihm zum ersten Mal zart auf, dass dies der Grund gewesen sein könnte, warum seine Mutter es getan hatte. Ihre Blicke trafen sich und endlich lag wieder etwas Milde darin.

Ulrike spürte, dass sie einen Treffer gelandet hatte und fuhr fort: „Dürfte ich das Bild in meinem Blumenladen aufhängen? Es passt so gut zur Jahreszeit. Vielleicht könntet ihr ja auch zu den anderen Jahreszeiten ein Bild malen. Es muss ja nicht immer ein Uhu und ein Blumenhut sein, nur eben irgendwas mit den Blumen der Saison. Euch fällt bestimmt etwas ein. Also das wäre jedenfalls ganz toll. Aber nur wenn ihr dazu Lust habt. Es war nur so ein Gedanke.“

„Das könnte man auch auf diese kleinen Grußkärtchen drucken, die manchmal an den Sträußen dran sind.“, spann der Mediengestalter Max den Vorschlag weiter, „Oder warte. Warum nicht auch auf normalen Glückwunschkarten. Das würde deinen Kunden sicher gefallen.“

Ulrike nickte begeistert. „Ja, warum nicht. Also was meint ihr?“, wandte sie sich wieder an ihren Bruder und ihre Mutter.

Es fiel Elli und Conrad zunächst schwer, den Anlass für ihren heftigen Streit plötzlich ins Positive umzudenken. Jedoch war die Idee, die ihnen hier in den Kopf gesetzt worden war, zu reizvoll, um verworfen zu werden, und ihre Fantasie begann zu arbeiten. Sie konnten gegenseitig das Funkeln in den Augen des anderen sehen, während sie sich langsam zulächelten.

Elli nickte. „Von mir aus gerne.“, und Conrad stimmte zu: „Von mir aus auch.“

Ulrike klatschte vor Freude in die Hände und Gabriella atmete erleichtert auf.

Von nun an war der Abend angefüllt mit vielen kreativen Spinnereien und ja, es wurde sogar gelacht. Wer hätte das gedacht.

 

Bevor sich Elli und Conrad später zum Schlafengehen trennten, sprach Elli es endlich aus.

„Es tut mir leid, Conrad, dass ich einfach in dein Bild hineingemalt habe. Ich habe mich gefreut, zu sehen, dass Du mit dem Malen wieder angefangen hast, und da muss wohl ein Impuls aus der alten Zeit über mich gekommen sein. Ich hätte vorher darüber nachdenken sollen. Es war nicht richtig.“ Sie seufzte, „Ich vermisse diese Zeit, als das Leben noch so war, wie es sein sollte und wir noch …“

„… als wir noch eine Verbindung hatten.“, ergänzte Conrad. „Unsere Rollen haben sich verändert und dabei haben wir uns verloren, oder?“

„Es scheint so“, bestätigte Elli.

Conrad atmete tief. „Es tut mir leid, dass ich so schroff zu dir war.“

„Komm her, mein Großer.“ Elli nahm ihren Sohn in den Arm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich habe dich doch lieb.“

Conrad drückte seine Mutter fest. „Ich dich auch.“

So versöhnt am Ende eines aufwühlenden Tages verabschiedeten sie sich in eine unruhige Nacht mit vielen Gedanken.

 

Es sollten die Bilder für Ulrike sein, die sie dazu brachten, zu offenbaren, was beide unter all der rücksichtsvollen Höflichkeit und den tapferen Masken verborgen hatten, denn das Schaffen gemeinsamer Werke schenkte ihnen wie in früheren Zeiten Augenblicke großer Nähe, in denen ihre Herzen endlich offen zueinander sprachen. Conrad verstand, dass Elli fühlen wollte, dass sie noch gebraucht wurde, und dass sie selbst über ihre Gesundheit entscheiden musste, auch wenn es ihm schwerfiel. Aber er sah ein, dass Elli ihren eigenen Kopf hatte, und das machte sie ja schließlich aus. Manchmal bat er sie um Hilfe, selbst wenn er diese nicht gebraucht hätte, und freute sich an Ellis strahlendem Gesicht, wenn sie ihm nützlich sein konnte. Sein Schuh quietschte nun nicht mehr.

Auch Elli wurde entspannter. Sie stemmte sich nicht mehr gegen alle Hilfsangebote der Kinder und befolgte sogar den einen oder anderen ärztlichen Rat, ihnen zuliebe.

Es wird niemanden überraschen, dass es nicht bei den Gemälden für Ulrike blieb. Noch oft saßen sie in dem kleinen Malzimmer beisammen und besprachen gemeinsame Ideen und manchmal unterhielten sie sich auch nur und die Bilder malten sie an einem anderen Tag.

Elli hatte wohl recht gehabt: „Ein Blumenhut bereitet jedem gute Laune.“ Elli und Conrad 


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